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Einführung
Wer mit Kunst zu tun hat, hat es schwer. Künstlerinnen und Künstler sollen Werke erklären, die sie eigentlich produziert haben, damit man sie anschaut. Statements werden ihnen abverlangt, die ihr Reflexionsvermögen häufig überfordern. Sie sollen über ihre Beweggründe sprechen, die sie meist selbst nicht kennen.
Kunstkritiker stehen nicht weniger häufig vor Rätseln und Wirrnissen, sowohl bei der Betrachtung von Kunst als auch bei der Interpretation von Künstleraussagen. Es ist ein harter Beruf, der sich zwischen der faktenreichen Beschreibung von Gesehenem und der fantasievollen Konstruktion und Interpretation von Geheimnissen, Mythen und Legenden bewegt. Wer über Kunst sprechen und schreiben muss, ist nicht zu beneiden.
Wir, die Leser, haben dafür um so mehr Vergnügen an verzwirbelten Sätzen und wirren Gedankengängen. Der unfreiwillige Humor gedanklicher und sprachlicher Kurzschlüsse tröstet uns über den tristen Alltag unseres Rezipientenlebens hinweg. Darf Kunst nicht auch Spaß machen? Selbst ist in trostlosen Zeiten wie diesen und obwohl der Kunstbetrieb »die größte Dichte an schlechter Laune« (Bogomir Ecker) bietet? Schlechter Laune, die sich in einer Ausstellungsbesprechung von Burkhasrd Müller in der Süddeutschen Zeitung vom 16.8.2003 wie folgt entlädt: »Ein Katalog liegt noch nicht vor. Zum Ersatz bekommt man ein paar geklammerte Blätter in die Hand gedrückt. Auch sie erfüllen jedenfalls ihren Zweck: Sie werfen den Deutungsmotor an, ohne den eine solche Ausstellung einfach nicht läuft, und stoßen die übliche kilometerlange Auspufffahne eines absolut unlesbaren Textes aus.«
Man muss aber nicht nur Trübsal blasen, versprühen die Protagonisten des Kunstbetriebs doch in Text- und Redebeiträgen ein permanentes Feuerwerk meist unfreiwilliger, jedoch unterhaltsamster Komik. Vermutlich musste nicht einmal Robert Gernhardt seine dichterischen Fähigkeiten strapazieren, als er in »Glück Glanz Ruhm« den Vorwortschreiber Michael Pauseback mit dem Satz zitiert: »Das Material verlangt nach Sinnbedürfnis in sich selbst und nicht in seiner Illusion.« Auf solche wirren Sätze stößt man im Kunstbetrieb täglich.
WIRRE SÄTZE ZUR KUNST sollen Trost und Labsal sein. Trost für all diejenigen, denen in ihrer professionellen Tätigkeit für, mit und in der Kunst schon wirre Sätze entschlüpften sei es aus Not, sei es aus Verzweiflung. Labsal werden diese dann, wenn sich während der Lektüre ein leises Lächeln in den Mundwinkeln einnistet. Wenn es mitunter zu einem befreienden Lachen wird um so besser.
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Mitmachen!
Die Gesellschaft für kritische Ästhetik lädt Sie, liebe Leserinnen und Leser ein, sich an der Sammlung der WIRREN SÄTZE ZUR KUNST zu beteiligen. Unter den ersten 10 Einsendern verlost der [sic!] -Verlag für kritische Ästhetik 3 Exemplare der Neuerscheinung »TRANSFER: Kunst Wirtschaft Wissenschaft«. Der Rechtsweg ist hierbei, wie üblich, ausgeschlossen.
WIRRE SÄTZE ZUR KUNST mailen Sie an folgende Adresse, bitte stets mit vollständiger Quellenangabe (Bezeichnung des Printmediums, Erscheinungsdatum, Name des Autors, Titel des Artikels, Seitenangabe): office @ kritische-aesthetik.de
Jeder WIRRE SATZ ZUR KUNST wird von dem italienischen Autor Camillo Torrone kommentiert und auf Wunsch mit dem Namen des Einsenders veröffentlicht. Viel Vergnügen!
Sammlung
Askese des Blicks
»Dass sie ihr Gegenüber nur für den Moment eines Lidschlags anschaut, scheint einer Askese des Blicks geschuldet zu sein, die das Arbeiten mit dem Auge erst möglich macht.«
(DB-mobil 06/2003, Kristina v. Klot, »Mit der Kamera statt mit dem Pinsel«, S. 76)
Die Autorin Kristina v. Klot beantwortet in ihrem sensiblen Artikel über die Fotokünstlerin Candida Höfer die seit Jahrzehnten v.a. bei Aufnahmeritualen in Kunstakademien wie ein beuysianischer Blitzschlag im Raum hängende Frage: Wie erkennt man, wer zum Künstler, vulgo Augenarbeiter, taugt? Andererseits, könnte es sich bei der beschriebenen Blickaskese nicht auch um eine déformation professionelle handeln? Wir sind so klug als wie zuvor. -cato
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Pure Malerei
»Die Bilder wollen es dem Transponieren ins Wort schwer machen. Die Bilder sind pure Malerei und wollen nichts anderes sein. Allein die Farbe trägt das Bild. Sie organisiert eine abstrakte Komposition, die ganz für sich gesehen werden will. Aber das Bild ist nicht frei von gegensätzlichen Assoziationen, z.B. an Landschaften, und will auch das nicht sein.«
(Einladung Kunstraum Neureut e.V., Karlsruhe, zur Eröffnung einer Gruppenausstellung am 21. Juni 2003. Der Autor des Textes war nicht genannt)
Ja, ich kann Sie verstehen, wenn Ihnen nun die Frage auf den Lippen schmerzt: Ja verdammt nochmal, was will das Bild denn sein? Und ich kann Sie beruhigen, denn die Antwort enthält uns der Text schließlich nicht vor, Sie müssen ihn nur noch einmal in Ruhe studieren: pure Malerei. Eben. Erstaunlich ist an solchen Texten allerdings stets eines: Dass das Bild, hier sogar die Komposition, lebt! Und Sie dachten immer, die Bilder an den Wänden Ihrer Wohnung hängen da einfach nur rum. Da wäre ich mir nicht so sicher. Gruselt es Sie schon? -cato
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Deutsche Kunst
»Deutsche Kunst zeichnet sich durch ihre Eigenarten aus: Primitiviät, Expressivität, Religiosität, Weltanschauliches.«
(Handelsblatt, 6./7. Juni 2003, Weekend Journal, »Kunst gegen Krise«, Georg Baselitz im Gespräch mit Susanne Schreiber und Christian Herchenröder, S. W1)
Schon mal gut, dass sich deutsche Kunst durch ihre Eigenarten auszeichnet und nicht beispielsweise durch die amerikanischer Kunst. Die Attribute, die der Künstler Georg Baselitz allerdings deutscher Kunst zuschreibt, könnte man glatt bspw. auf afrikanische Kunst anwenden. Kein Wunder, denn Georg Baselitz präsentiert just in diesen Tagen seine »Afrika-Sammlung« in Düsseldorf. Baselitz ist ein geradezu manischer Sammler afrikanischer Kunst. Auf die Frage, wie er einen neu erschienenen Auktionskatalog afrikanischer Kunst durchblättert, antwortet der Künstler im saloppen kolonialistischen Habitus: »Gierig«. Da kann einem schon mal was durcheinander kommen. -cato
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Feindliche Übernahme
»Nun haben wir aber nicht umsonst mit einem der Leitsätze für die Biennale die >Diktatur des Zuschauers< in den Mittelpunkt gestellt, nicht die Diktatur des Künstlers.«
(FAZ-Sonntagszeitung, 8. Juni 2003, »Kunst für Kunden«, Franco Bernabè im Gespräch mit Tobias Piller, S. 37)
Ja, darum beneiden die Deutschen die Italiener: Sie sind so unverkrampft. Mal ist die Olivenernte gut, mal nicht, dann zahlt die EU; mal kommt eine Diktatur, dann geht sie wieder. Franco Bernabè ist der erste Manager an der Spitze der Biennale und als »dilettante« ausgewiesener Kunstkenner. Denn »dilettante« ist in Italien kein Schimpfwort, es ist jemand, der etwas mit GROSSER Leidenschaft tut, einfach so. Bernabè kennt sich immerhin mit feindlichen Übernahmen aus: 1998 stand er der Telecom Italia vor und wurde von Olivetti geschluckt. Der Schritt von der feindlichen Übernahme zur Diktatur ist ein kleiner. Und dass die Diktatur der Künstler schon viel zu lange andauerte, wer wollte dem widersprechen? Übrigens wird bereits gemunkelt, dass Franco Bernabè bereits einen Masterplan in der Schublade hat, um auch die Diktatur der Kuratoren hinwegzufegen. -cato
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Körbchen
»Tomma Abts ist ein reifer Apfel, der auf den deutschen Kunstmarkt fällt.«
(Kunstforum International, Bd. 165, Juni-Juli 2003, Frank Frangenberg, »Tomma Abts«, S. 320)
Wir können von Glück sagen, dass der Kritiker Frank Frangenberg sein Körbchen aufgestellt hat, um die Künstlerin aufzufangen. Dabei fällt mir eine kleine Geschichte ein, die mir neulich erzählt wurde. Sie ereignete sich in einer ergotherapeutischen Praxis. In einer ergotherapeutischen Praxis werden u.a. Patienten nach Schlaganfall therapiert, indem sie bspw. üben, Körbe zu flechten. Der Chef dieser Praxis achtete nun ganz besonders darauf, dass seine Patienten nur formschöne Körbe herstellten was recht selten möglich ist, da ein Arm meist nicht mehr über die nötige Zugkraft verfügt, sprich: Die Teile sehen ein bisschen bis sehr schief aus. Im Prinzip macht das nichts, denn der Patient soll seine Motorik entwickeln und nicht beim Westerwälder-Korbflechter-Contest siegen. Unserem Chef ging dies allerdings gegen die Natur und in einer Mitarbeiterbesprechung hielt er ein kleines, entzückend schiefes Körbchen mit spitzen Fingern und den Worten hoch: »So etwas verlässt mir nicht die Praxis.« -cato
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Atemnot
»Das Analytische tritt auf im Gewand des Vorläufigen und beatmet die Vorlage durch ihre ständigen Zweifel.«
(Kunstforum International, Bd. 165, Juni-Juli 2003, Reinhard Ermen, »Luc Tuymans: THE ARENA«, S. 292)
Ganz bestimmt ist dieser Satz aus dem Zusammenhang gerissen, denn so sinnfrei, wie er sich uns hier darbietet, kann er nicht gemeint sein. Dafür hat der Autor zu lange an ihm gefeilt, Tage, Wochen, Monate. Ihm sei ein Balinesisches Sprichwort anempfohlen: »Wir haben keine Kunst. Wir machen alles so gut wir können.« -cato
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Hitze
»Form neigt in den Skulpturen latent zur Selbstaufgabe.«
(aus dem Programm des Badischen Kunstvereins Karlsruhe, 06-08/2003)
Ja, wer könnte Form nicht verstehen? Es ist unerträglich heiß, seit Tagen konstant über 30 Grad, die Augen brennen, der Ozonhusten reizt, der Schlaf geht fremd, der Schweiß rinnt warum sollte da, in solch existentieller Unwirtlichkeit, Form nicht sich selbst aufgeben? Hat sie schon jemals jemand gelobt, wenn sie es nicht tat? Nehmen wir es nicht latent als selbstverständlich hin, als viel zu selbstverständlich, dass sie es selten genug tut? Und was macht sie, wenn sie es tut? Wo geht sie hin, ach, wir wollen gar nicht an jene noch viel drängendere Frage denken, die unser Herz bewegt: Wo kam sie her? -cato
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Bargespräche
Einen sehr schönen wirren Satz zur Kunst dokumentiert Niklas Maak in seinem Bericht »Abschied von der Weltmacht« über die 50. Kunstbiennale Venedig in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 15. Juni 2003 auf Seite 21:
»Weil Harry´s Bar früh schließt, muß in Haig´s Bar weitergefeiert werden. Dort gibt es keine Klimaanlage, auch nachts kühlt sich die Luft nicht ab, und die Gäste sitzen verschwitzt an den Tischen und führen seltsame Gespräche. >Ich finde den Werkbegriff veraltet<, rief einer in seinen Cocktail hinein, >denn die Werke gehen in einem transnationalen Diskurs auf!< Die Dame, die ihm gegenübersaß, lächelte, ging zur Bar und kam nicht wieder.« -cato
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Reiseführer
»Die Ausstellung wird keinen Anfang und kein Ende haben, sondern eine Reihe von Räumen, wo uns verschiedene Visionen und Konzepte der Kunst auf eine Reise in die Gegenwart begleiten.«
(aus der Broschüre »arttourist.com, Venedig Spezial Juni-November 2003«, S. 3)
Eine Reihe von Räumen ohne Anfang und Ende das kann nicht von dieser Welt sein. Solche Paradoxien erinnern an Relativitätstheorie und Quantenphysik, über die ich mich allerdings nicht näher auslassen möchte, da ich zu wenig davon verstehe: Raum-Zeit-Kontiunuum, Unschärferelation ... Die Welt ist wahrlich eine Variable in einer Gleichung, der die Konstante verloren gegangen ist. Nein, halt! Da taucht sie auf, aus dem Brackwasser der venezianischen Lagune: Denn wo immer wir uns befinden, sei es am fehlenden Anfang oder am fiktiven Ende einer Reihe, immer reisen wir doch in die Gegenwart, wenn wir durch Räume schreiten, in denen uns Visionen verfolgen. Der Mathematiker und Zeitgenosse Albert Einsteins, Hermann von Strudel, stellte fest: »Wenn in einer Gleichung die beiden Unbekannten gleich sind, ist das Ergebnis enttäuschend.« Und Karl Valentin: »Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.« -cato
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Fermentation
"Wissen über Kunst heißt nicht zuletzt Wissen über ihre Entstehungsbedingungen. Gesetze der Wahrnehmung spielen dabei genauso eine Rolle, wie Perspektive, Kompositions- und Farbenlehre. Die Techniken der Malerei und der Zeichnung werden ebenso behandelt, wie die druckgrafischen Techniken und das weite Feld der Skulptur und Plastik. Ein Kapitel über moderne Mischformen schlägt den Bogen zur Gegenwartskunst."
(aus dem Klappentext einer Buchanzeige auf www.kabonline.de)
Dieser Klappentext einer Buchanzeige fordert unsere Wahrnehmung heraus. Was ist unter modernen Mischformen zu verstehen? Die neueste Technologie jener Fahrzeuge, die uns als Jungs den Atem raubten und über die unsere Väter zu berichten wussten, dass sich im Bauch dieser mobilen Ungetüme der Grundstoff für den zeitgenössischen Häuserbau befände? Geben wir lieber das Stichwort »Mischformen« bei www.wissen.de ein. Dann lesen wir folgendes: »Batch-Fermentation, Batch-Kultur, diskontinuierliche Fermentation; biotechnischen Verfahren, bei dem mit der Beimpfung des Nährmediums begonnen wird und die Fermentation zu einem bestimmten Zeitpunkt (z. B. nach Verbrauch des Substrats) abgeschlossen wird. Bei der Batch-Fermentation arbeitet der Bioreaktor als geschlossenes System im Gegensatz zu den kontinuierlichen Verfahren. Eine Mischform ist die meist effektivere Fedbatch-Fermentation, bei der gezielt Nährstoffe zugegeben werden.« Genau so hatten wir uns das immer vorgestellt. -cato
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Kleine Fluchten
»Im Gegensatz zur Schaffung einer als Idylle konzipierten Gegenwelt, die der Flucht aus einer als zu konflikt reich wahrgenommenen Alltagsrealität folgt und sich von dieser auch abzublocken versucht, thematisiert dieses Projekt die Schnittstellen und Schnittflächen als Grenzziehungen, aber auch als Berührungspunkte und Überlagerungen von Welt-Bildern gezeigt, welche sich oft erst in gegenseitiger Beeinflussung hervorbringen. Es geht also nicht allein darum, was »Welten« miteinander verbindet, sondern wie sich diese wechselseitig und verändern.«
(incl. Schreibfehler aus der Einladung »mutual fields« der Galerie 5020, Salzburg, Juni 2003)
In diesem ganzen Wirrnis aus idyllischer Alltagswelt und konzipierter Flucht in Gegensätze kann man schon mal den Überblick verlieren: Verben fallen in Schnittflächen; Berührungspunkte verlieren die Orientierung, weil sie nicht mehr wissen, auf welchem Schnittbogen sie gerade ihren Auftritt haben; Grenzziehungen zweifeln an ihrer Identität, weil sie nichts als Beeinflussung hervorbringen; und das Projekt leidet still an Überforderung. Kennt jemand den Ausweg aus diesem herkulischen Dilemma? Ja. Die Antwort lautet: 42. -cato
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As
»Still perlt die Oos die Lichtenthaler Allee entlang. Oos das lässt sich auch als der vervielfältigte Buchstabe O verstehen: eine gekringelte, vielfach verschlungene Linie. Aus diesen Os, letztlich aus dem Bach, formte Olaf Metzel zwei geflochtene Fußmatten, kaum zu unterscheiden von Abtretern vor der Wohnungstür. Nun liegen sie da, als Bronze zum festen Bild geformt, vor der Kunsthalle und am Ufer der Oos.« (»Durchgehend geöffnet, Skulpturensommer in Baden-Baden«, Kunsthalle Baden-Baden, 2003)
Still wie die Oos blubbern Worte, vielfach verschlungenen Blasen gleich, die sich zu Sätzen kringeln. Aus diesen Kringeln schlingt der Autor ein Bouquet, das man, stünde es vor der eigenen Wohnungstür, betreten in der rückwärtigen Biotonne entsorgen würde. Da liegt es dann zum Bilde fest geformt. Uns entfleuchen darob As, Os, Us und Is und schwappen ans Ufer der Nachsicht. -cato
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Wanderlust
»Roland Schappert ist ein Wanderer zwischen Köln und Berlin, zwischen Video, Fotografie und Lyrik. Außerdem wandert er gern auf Mallorca. Die unwegsamen Landschaften der waldreichen Bergregionen im Nordwesten der Insel nahm er zum Ausgangspunkt für eine Serie von Landschaftsfotos.
Durch die digitale Bearbeitung entstehen Landschaftsbilder, die ihre geografische Zugehörigkeit eingebüßt haben und dadurch zu universellen Bildern von Landschaft werden. Ihre eigentliche Wirkung aber macht die Tatsache aus, dass sie mit der Wahrnehmung des Betrachters spielen, indem sie aus etwas weiterer Entfernung betrachtet, eine Textur entfalten, die an die Landschaftsmalerei der Romantik oder auch an alte Stiche denken lässt.
Roland Schappert macht so auch den Betrachter zum Wanderer durch Zeit und Raum.«
(brand eins Art, Juli 2003, http://www.brandeins.de/art/schappert-gebirge1.html)
Kunst ist anstrengend hat jemals jemand daran gezweifelt? Hier wandert ein Künstler nicht nur quer durch Deutschland zwischen Köln und Berlin hin und her (kann man davon leben?), sondern auch in dem magischen Dreieck, das jene illustren Orte Video, Fotografie und Lyrik bilden. In den Niederlanden gibt es übrigens einen Ort der Amen heißt. Wenn man nun noch die Flecken Heiligen und Geist dazu nähme, ergäbe sich auch ein nettes Konzept.
Aber zurück zum Text. Dass die Fotografie eine ernstzunehmende Kunstrichtung ist, wird hier mit einem überraschenden Vergleich verdeutlicht. Die besprochenen Fotos erinnerten an alte Stiche und romantische Malerei, allerdings nur aus weiterer Entfernung. Leider ist diese Raum-Zeit-Angabe, bis auf das Wort »romantisch«, etwas wage. Was darf der interessierte Käufer unter »weiterer Entfernung« verstehen? Muss er an seine Wohnung einen Entfernungsraum anbauen, damit sich beim Betrachten der Fotografien der versprochene Effekt einstellt? Wird er, wenn er in diesen Entfernungsraum hinein wandert, den Weg zurück finden aus dem universellen Raum-Zeit-Kontinuum? Stellt die Plancksche Konstante nicht eine unüberwindliche Hürde dar beim Versuch, eine Fotografie in einen alten Stich zu transmaterialisieren und vor allem, wieder zurück? Und wer hat mir das Adorno-Wort »Es gibt kein richtiges Leben im Falschen« gerade zugebeamt? -cato
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a, b oder c?
»Auf den Bildern von Masahito »NAOKO« Okamoto, der aus jenem Reich kommt, in dem Zeichen »um eine leere Mitte zirkulieren« (R. Barthes), durchdringen sich traditionslastige, religiöse Elemente und psychedelisch-esoterische Symbole. Im Zentrum der pop-farbigen, hybriden Bilderwelt stehen Ikonen der Re-Spiritualisierung, die das zwiespältige Verhältnis der säkularisierten Gesellschaft zu Religionen spiegeln.«
(Klappe Auf, Kulturmagazin Karlsruhe, Juli 2003, Franz Littmann S. 52)
Der vorliegende Text kündigt die Ausstellung »Das Ewig-Weibliche« an. Der werte Leser darf nun raten, was er in dieser Präsentation wohl zu sehen bekommt: a) Weiber?, b) Titten?, c) leere Mitten? -cato
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Einbauschrank
»Ein Waschbecken ist ein Waschbecken, was sonst? Ein Einbauschrank? Ist eine Schranktür mit Griff und Schloss. Selbstverständliche Dinge, vertraut, bekannt. Wie schnell aber kann man dem Menschen, der die Umwelt so sicher zu kennen scheint, die Orientierung rauben. Eine kleine Bewegung genügt, eine minimale Verschiebung der Perspektive, und die Gewissheit ist perdu.«
(Adrienne Braun »Geheimnis des Vertrauten. Der Fotosommer im ehemaligen Ikea-Gebäude«, Stuttgarter Zeitung, 7.7.2003)
»Die Gewissheit ist ein flüchtig Ding.« Von wem stammt dieser Satz nochmal? Lyndon B. Johnson hätte gesagt: »Wie mein geliebter alter Vater zu sagen pflegte.« Seine ehemalige Redenschreiberin Liz Carpenter (82) hat jetzt die rhetorische Tricks des US-amerikanischen Präsidenten verraten. Stolperte der in einem ihrer Redeentwürfe über ein Zitat, sagen wir von Aristoteles, dann grummelte er: »Aristoteles? Wer zum Teufel kennt Aristoteles?« - und nannte als Zitatenlieferant seinen Daddy. Oh my God! Genau, oder den.
Was ich aber eigentlich erzählen wollte: Vergangenes Jahr ließ ich in meine Wohnung einen wundervollen Einbauschrank einbauen. Er ist so praktisch! Ein Einbauschrank ist eben ein Einbauschrank, was sonst? Meiner hat allerdings Türen ohne Schlösser, und hinter den Türen gibt es auch noch Stauraum. Ist es dann noch ein Einbauschrank? Verkauft IKEA inzwischen eine Schranktür mit Griff und Schloss als Einbauschrank? Oder als Waschbecken? Und kaufen das die Leute? Meine Gewissheit ist perdu. -cato
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Sägende Hand
»Dadurch verwandeln sich die Platten aber auch zu Elementen eines ornamentalen Spiels, das weder Symmetrien noch Logiken gehorcht, sondern intuitiv aus Zeichnungen und den Reaktionen der sägenden Hand auf diese entsteht.«
(Reto Krueger »Arbeiten am Ornament in einer ganz und gar unornamentalen Ästhetik«, Badische Neueste Nachrichten, 14.7.2003, S. 20)
Der Satz enthält eine gewagte Schlussfolgerung: Dass die sägende Hand keiner Logik folge; immerhin wird doch eine, eine ganz kleine Logik unter all den unendlichen Logiken, die auf dieser Welt vagabundieren, sich für die arme, sägende Hand zuständig fühlen? Wenn nicht, wäre dies ein ganz und gar unornamentaler Skandal, der sich als intuitives Ornament tarnte. Mein Freund Fabio, dessen Hand sich letzte Woche an der Kreissäge einer Fingerkuppe entledigte, sieht das ganz anders. Seine Hand, die ihm kurzfristig einen lange ersehnten und immer wieder verschobenen Urlaub spendierte, ist seitdem sein bester Freund, den er ob seiner inneren, geheimnisvollen Stringenz bewundert. -cato
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Die Pforte des Verqueren
»Le Corbusier unterscheidet von McDonald´s so viel wie Claude Lévi-Strauss von einem Punker: nämlich kaum etwas, außer vielleicht der Prätention.«
(Peter Richter »Das Hehre und das Leere«, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 20.7.2001, S. 21)
Kaum häufiger ist die postmoderne Befindlichkeit vielleicht besser auf den Punkt gebracht worden. Prätention, lt. Duden sowohl mit Anspruch als auch mit Anmaßung zu übersetzen, ist tatsächlich der Schlüssel, den es braucht, um die Pforte des Verqueren zu durchschreiten. Dahinter liegt eine Welt, in der die Dinge unendlich gleichberechtigt ihr Dasein fristen. Während die ersten Seefahrer fürchteten, dem Nichts zu begegnen, nehmen wir das Viele, das sich inzwischen eingefunden und zu einem wahren Urwald formiert hat, furchtlos auf und verdauen es in mehr oder weniger angemessenen Portionen. Claude Lévi-Strauss zitiert in »Das Ende des Totemismus« Malinowski: »Kurz ist der Weg, der vom Urwald zum Magen und dann zum Geist des Wilden führt.« -cato
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Rausch
»Im rauschhaften Farbströmen und fließen hat sich die individuelle Handschrift als behauptende Zeichenspur aufgelöst und wird eins mit der Person des Künstlers: das Bild wird zum Individuum und stellt die Frage nach Wirklichkeit und künstlerischer Mythologie.«
(http://www.akw-baden.de)
Die Frage nach der Wirklichkeit ist so alt wie die Menschheit und immer neu und aktuell. Wer, wo, was bin ich? Und warum? Ein Bild gewordenes Individuum, das sich als Zeichenspur auflöst? Bin ich hier, da, dort oder treibe ich auf dem unergründlichen Meer der Mythologie, das sich am Rande der Erdenscheibe ins Nichts ergießt? Hat meine Handschrift die Herrschaft über mich gewonnen und durchrauscht mich nun, strömend, fließend? Oder trinke ich besser noch einen? -cato
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Schwerelos
»Die Skulpturen von Chillida werfen für Kinder kaum Rezeptionsprobleme auf.«
(Bildunterschrift FAZ-Sonntagszeitung, 27.7.2003, Reise S. VI, Paul Ingendaay »Die Fragen der Wolken und des Goldes«)
Dieser Satz steht unter einem Bild, das einen Ausschnitt des Chillida-Skulpturenparks im spanischen Hernani zeigt. Auf einer Rasenfläche steht im Vordergrund ein sichtlich tonnenschweres, klobiges, rostfarbenes Objekt, um das eine Gruppe von Kindern Fangen spielt. Leichtfüßig und sorglos denken die Kinder ganz offensichtlich nicht einmal daran, dieses Ding überhaupt zu rezipieren. Kunstrezipienten haben allerdings seit Jahren das Problem, weshalb die Skulpturen Chillidas als »schwerelos« bezeichnet werden, wie auch in dem das Bild begleitenden Artikel geschehen. Es gibt in der Kunst kaum Arbeiten, die tumber und zugleich banaler daherkommen. Man denke nur an die beiden Hühnerfüße vor dem Kanzleramt in Berlin, die bar jeder Eleganz und Dynamik, dafür mit vollendeter Plumpheit aus dem Boden ragen eine Beleidigung für jedes anmutig freilaufende Huhn. Wie sich bei den Propagandisten Chillidascher Kunst das Attribut »schwerelos« durchsetzen konnte, bleibt ein Rätsel. Vielleicht hilft in diesem Zusammenhang eine aktuelle Studie der University of California weiter: Jeder Mensch lügt im Schnitt 200 mal am Tag (ca. alle 7 Minuten). Oder anders gesagt: Nur knapp 40 Prozent aller Äußerungen sind wahr. -cato
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Latent beraubt
»Die Fotografien der Berliner Kuenstlerin Juliane Duda zeigen digital geschaffene Landschaften und Architekturen, die trotz Ihrer latenten Bedeutung ihres Eigenwertes und Ihrer Funktionalitaet beraubt sind.«
(Presseinformation der Galerie LIGA, Berlin, 7.8.2003)
Vorbildlich, wie dieser Satz ganz offensichtlich auf das beschriebene Werk zugeschnitten ist, es quasi affirmativ transloziert: Selbst seines Eigenwertes und seiner Funktionalität beraubt, behauptet er doch virtuos latente Bedeutung. -cato
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E=mc2
»Das Weglassen von Masse nimmt in seinem Werk mehr und mehr Raum ein.«
(Badische Neueste Nachrichten, 13.8.2003, Grit Thönnissen »Schreiender Hengst als Wendeplastik, Die Rostocker Kunsthalle würdigt Jo Jastram zu seinem 75. Geburtstag.«)
Ich gebe es zu: Trotz der Lektüre zahlloser Bücher habe ich die Relativitätstheorie bis heute nicht wirklich verstanden. Und auch die Urknalltheorie ist mir zutiefst suspekt. Ein Satz des Physikers Richard Feynman ist mir allerdings aus Stephen Hawkings Buch »Das Universum in der Nussschale« in Erinnerung geblieben: »What I cannot create, I do not understand.« -cato
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Im Rausch der Sinne
»Die drei Protagonisten könnten unterschiedlicher nicht sein; eine raumgreifende Installation steht im Wettstreit mit zwei durchaus traditionellen Präsentationen gerahmter Blätter. Letztendlich bleibt aber als conditio sine qua non ein Unveräußerbares zur Wiedererkennbarkeit als Zeichnung (Ausnahmen bestätigen die Regel), nämlich die Linie und deren wahlverwandte Ausprägungen auf dem flachen Grund. [...] Perspektivisches wird angedeutet, die Linien erwandern den ´Raum´ auf dem weißen Papier, oder sie sammeln sich zu ausschwingenden Feldern indem sie, jede für sich aber Unisono, die gleiche Biegung machen; andere Koodinaten formulieren sich dazwischen, Raster werden individuell aufgeweicht, auch farblich akzentuiert und verunsichert.«
(Kunstforum International, Bd. 166, 2003, Reinhard Ermen »Zeichnung heute IV, Thomas Müller, Malte Spohr, Heike Weber, Kunstmuseum Bonn, 26.6.-24.8.2003«)
Ich habe mir von unabhängiger Seite versichern lassen, dass die o.g. Ausstellung nicht wegen Verbreitung unerlaubter Drogen geschlossen wurde. Weder wurde psychedelische Musik gespielt, noch versprühten Zerstäuber halluzinogene Substanzen. Bisher wurden auch noch keine wahlverwandten Ausprägungen der Linie sichergestellt, die sich außerhalb ihres angestammten flachen Grundes Besuchern unsittlich genähert haben könnten, um sie in rauschhafte Ausschweifungen, geschweige denn Ausschwingungen zu verwickeln. Aber wer weiß, vielleicht haben sie hernach die Biege gemacht und keiner hat´s gemerkt! -cato
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Borné
»Weil jeder künstlerische Diskurs sowohl einen grenzenlosen und unbegrenzten Denkprozess impliziert als auch einen andauernden Kreuzzug gegen vorherrschende Einstellungen, können Künstler als grundsätzlich clandestin gedacht werden.«
(aus dem Katalog zur 50. Biennale Venedig, 2003, zitiert von Thomas Wulffen in Kunstforum International, Bd. 166, S. 94, »Clandestin«)
clandestin(e), franz. geheim, blind. Die 50. Biennale Venedig wurde zum ersten Mal von einem veritablen Manager geleitet, Franco Barnabè: »Ich habe dazu beigetragen, die Verantwortlichen mehr auf den Boden der Tatsachen zu bringen. Für die Großveranstaltung Biennale gelten zudem die gleichen Regeln wie für ein Produkt: Das Produkt muß klar definiert sein, und es muß gute Motive für den Kauf des Produkts geben. Deswegen habe ich mich eingesetzt für Vereinfachung und klare Botschaften.« (in Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 8.8.2003, S. 37). Da die Übergriffe des Ökonomischen auf die Kunst, wie das Interview-Zitat belegt, immer unverfrorener werden, erlaube ich mir den Katalogbeitrag in diesem Sinne umschreibend , eine nicht sehr elegante, dafür Management kompatible Replik zu formulieren: »Weil jeder ökonomische Diskurs sowohl einen globalisierten wie begrenzten Denkprozess impliziert als auch einen andauernden Kreuzzug gegen vorherrschende Einstellungen, können Manager als grundsätzlich borné gedacht werden.« -cato
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Metaflächen
»Man muss sie (unbedingt) sehr, sehr lange betrachten. Denn nur allmählich wird die perspektivische Tiefe dieser Malerei sichtbar. Nur allmählich tritt die Flachheit (Leinwand plus Farbe) dieser Bilder in den Hintergrund. Es ist genau der Tiefe-mit-Fläche-Charakter dieser Bilder, präziser: Die Gegensatzvereinigung von kontradiktorischen Grundmomenten, der ungewisse Erinnerungen wachruft.«
(KlappeAuf, August 2003, Franz Littmann »Joachim Woityczka«)
Man muss diese Sätze (unbedingt) sehr, sehr oft lesen. Denn nur allmählich wird die Prägnanz ihrer inneren Untiefen verstehbar. Nur allmählich tritt die Effizienz (Wort plus Wort plus Wort) in den Vordergrund. Es ist genau der Ober-mit-Fläche-Charakter dieser Sätze, präziser: Die Unvereinbarkeitskohabitation von inkompatiblen Metaflächen, der ratlose Gesichter zurücklässt. -cato
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Vernissage
»Was geschah bei der Sex-Party? In BILD erzählt die gebürtige Ukrainerin Jana M. (30), wie sie die Stunden im Hotel erlebt hat. Vor einer Woche erhielt ich einen Anruf. Eine Frauenstimme fragte: Lust auf eine Party mit Künstlern. So etwas wie eine Vernissage? Die junge Frau stimmte zu.«
(BILD, 19.8.2003, »Schlimmste Sex-Orgie des Jahres! Ich war die Hure des Star-Malers«)
Prof. Jörg Immendorf wurde bei einem performativen Akt ertappt, mit Kokain und elf Prostituierten im Düsseldorfer Steigenberger Hotel. Abgesehen vom Kokain können wir nur begrüßen, dass er seine üppigen Preisgelder und die Beamtenpension in die Weiterentwicklung seines künstlerischen Schaffens investiert. Wie man der oben stehenden Beschreibung entnehmen kann, hat das Wort »Vernissage« noch immer magische Wirkung auf außen Stehende. Wir langweilen uns auf diesen Veranstaltungen seit Jahren zu Tode aus rein beruflichen Gründen, aber nie freiwillig. Nun gut, Jana M. (30) wurde für ihren Auftritt auch bezahlt. Aber war das für sie nicht zweitrangig? War nicht doch ausschlaggebend, dem Äther des Genies nahe sein zu können? (Mit einer Einschränkung: »Untenrum durften wir ihn nicht anfassen.«, Jana M. (30)) Weiter: Sind wir nicht alle tief betroffen vom polizeilichen Eingreifen, davon, dass der Freiheit der Kunst in diesem Lande so erbarmungslos Riegel vorgeschoben werden? Und sind wir nicht alle noch viel betroffener, weil nun in den Sternen steht, ob wir das titanische Endwerk des genialen Meisters mit dem mehr ver- als enthüllenden Titel »Vernissage« jemals zu Gesicht bekommen werden? -cato
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Zwischen und und zwischen
»Ihre Arbeiten bewegen sich zwischen Körperbezug und Raumerweiterung, zwischen naturwissenschaftlicher Ausrichtung auf System, Struktur, Serie und Konstruktion, zwischen Physik und Mathematik und einer Tradition von expressiver Plastik. Das moderne Vokabular drei-dimensionalen Gestaltens, das sich auf Parameter wie Schwerkraft, Boden und Decke, Seite und Wand, Gewicht und Volumen, innen und außen, hohl und voll, konkav und konvex bezieht, wird auf eine neue Weise durchkonjugiert.«
(aus der Einladung zur Ausstellung »Lineas«, Ursula Blicke Stiftung, September 2003)
Was hätte man hier nicht noch alles zwischen Physik und Mathematik und expressiver Tradition durchkonjugieren können, hätten etwas mehr Platz und Zeilen zwischen Datum und Uhrzeit, Namen und Ort zur Verfügung gestanden: Schwerkraft und Fliehkraft, Fläche und Raum, Fülle und Leere, Treppe und Stufe, Schlüssel und Schloss, Trägheit und Schwere, Verteilung und Strömung, Form und Gestalt, Dynamik und Stillstand, Schein und Sein, Geburt und Tod, leicht und locker, scharf und stumpf, hell und dunkel, Dick und Doof ... -cato
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Horst
»Der Gewinner der zweiten Ausschreibung "Graureiher/Westsee" hat auf einer von ihm neu geschaffenen, künstlichen Insel im Allemöher Westsee Brutbäume für Grauhreiher gepflanzt. Ähnlich den Neubürgern dieses Stadtteils sollen die Stelzvögel dazu animiert werden, mit dem Nestbau zu beginnen und sesshaft zu werden.«
(aus der eMail-Einladung zur Eröffnung der Arbeit "Kunst - Horst" von Ando
Yoo, Kokus e.V., Kommunikations- und Kunstverein Allermöhe e.V., August 2003)
Schön wohnen als Graureiher warum nicht? Ist doch der Künstler als solcher im Horstbau sicherlich einfallsreicher, preisgünstiger und flexibler als der traditionelle Horstbauer, keine Frage. Gibt es überhaupt noch den ehrenwerten Beruf des Horstbauers? Wir hatten uns jedenfalls schon seit Jahren an den öden, normierten Horstbauten satt gesehen. Das war auch der Grund, weshalb wir einfach nicht in Allermöhe sesshaft werden konnten. Als Stelzvogel hat man schließlich Vorbildfunktion für Neubürger. Wir werden nochmals darüber nachdenken, zumindest das ist aller Möhe wert. -cato
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Tragische Schöpfung
»Sheila Barcik umwandelt in ihrer Arbeit den Komplex unserer Wahrnehmung zwischen innigstem Gefühl und dem Bewußtsein einer problematischen Umwelt. Dies deutet auf Zerrissenheit und Einheit zugleich. Aus der Wahrnehmung des Äußeren ertastet sie das Verständnis innerer Vorgänge - und umgekehrt. So beschreiben ihre Zeichnungen Zusammenhänge, die kaum anders zu benennen sind als in subtilsten Energiefeldern oder -bahnen. Dem entspricht formal die häufig zu beobachtende Fortsetzung der dargestellten Figur über die Grenzen der Zeichenblätter hinaus. Auch die Wiederholung und Variation von Motiven verweist auf die Erkenntnis, daß starre Grenzen schwer zu ziehen sind. Nicht mal der Inhalt der Bezeichneten ist fest umreißen, eher zu umkreisen. Ihr Thema, könnte man sagen, ist das Staunen über die freie, offenen Entfaltung des grenzenlosen Seins, mit allen Aspekten einer erfüllten, aber auch tragischen Schöpfung. (R.Barthoolmäus)«
(aus der eMail-Einladung zur Eröffnung der Ausstellung »Offenes Labor«, ProduzentenAg SüdWestDeutschland + Kunstraum Alte Stanzerei, 67483 Edesheim, August 2003)
Wie nähert man sich einem Text, der so »zwischen innigstem Gefühl und dem Bewußtsein einer problematischen Umwelt« umwandelt? Dem aus jeder Pore nicht nur die Vergänglichkeit allen Seins, sondern auch die Seinslosigkeit allen Tuns quillt? Der auch formal häufig den Sinn über die Grenzen der Sprache hinaus fortzusetzen sucht? Nicht mal dessen Inhalt, ganz abgesehen von seinen Grenzen, fest zu umreißen ist, ganz abgesehen vom Kreisen? Vielleicht aber verbirgt er sein Geheimnis ganz offen in dem universellen Aspekt der tragischen Schöpfung. Was wirklich bleibt, ist das Staunen, könnte man sagen. -cato
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Kreißsaal
»Trouvés Module kreisen um Themen wie Lebensraum, Arbeiten, Reflexion oder auch Präsentation und verleiten dabei immer wieder zu gedanklich diffusen Vermutungen, weil ihre verschiedenen Modul-Einheiten manchmal erotisch aufgeladene und dann wieder sezierende und auf fast unangenehme Weise analytische Atmosphären schaffen.«
(aus der Einladung »Tatiana Trouvé«, Kunstverein Freiburg, September 2003)
Das Terrain des Atmosphärischen ist schlüpfrig. Kein Wunder, wo man doch selbst im täglichen Leben nicht nur hier und da, sondern meist jetzt und sofort die Orientierung verliert. Die Nachrichtenagentur epd berichtet, Zitat: »Im Amsterdamer Wachsfigurenkabinett hat das Ebenbild der niederländischen Prinzessin Maxima ein Bäuchlein bekommen. Im Laufe der nächsten Wochen soll der Wachsbauch unter einem schwarzen Umstandskleid immer dicker werden.« So ist das bei Schwangerschaften aber wen erotisiert eine Wachsfigur derart, dass ... man wagt nicht, es auszusprechen. Nichts als diffuse Vermutungen, die bar jeden analytischen Moments unsere Seele sezieren. -cato
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Initialzündung
»Corinne Wasmuth war noch an der Düsseldorfer Kunstakademie, als sie sich und ihrem Metier einem Experiment unterzog. Sie malte Feuer und erlebte, dass während der Arbeit das Gleiche geschah, wie wenn sie sich mit abstrakten Formen malerische ausdrückt.«
(Michael Hübl »Am Anfang war das Feuer«, Badische Neueste Nachrichten, Kultur, 19.9.2003)
Es geschieht das Gleiche, ob ich Feuer oder abstrakte Formen male? Was für eine Erkenntnis! Schade, dass uns von dem Experiment nicht detaillierter berichtet wird. Was ist mit »das Gleiche« gemeint? Dass Farbe auf den Malgrund kommt, wenn ich mit Farbe darauf male? Da muss sich mein Großvater Paolo Torrone geirrt haben, der als ausgewiesener Fachmann für Raumgestaltung (er war Maler-, d.h. Anstreichermeister) behauptete: »Nicht dass du eine Wand anstreichst ist entscheidend, sondern wie!« -cato
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